Shikoku ist die kleinste der vier japanischen Hauptinseln und besteht aus vier Präfekturen: Tokushima, Kochi, Ehime und Kagawa. Die Insel ist vor allem für die legendäre 88-Tempel-Route, eine rund 1.200 Kilometer lange Pilgerreise bekannt, für die man normalerweise sechs bis acht Wochen einplant. Allerdings... Ein großer Teil dieser Route verläuft an der Autostraße entlang. Deshalb beschloss ich, es anders anzugehen: Ich suchte die schönsten Wanderabschnitte entlang der Südküste heraus und legte den Rest entspannt mit dem Bus (und manchmal dem Zug) zurück.
Mein Shikoku-Abenteuer begann gleich vielversprechend – mit zwei der stimmungsvollsten Tempel entlang der Route. Die Wege zum Kakurin-ji (Tempel 20) und anschließend zum Tairyu-ji (Tempel 21) erforderten einige Anstrengung beim Aufstieg, doch dafür wurde ich mit stillen Wäldern, frischer Bergluft und einer beinahe magischen Atmosphäre unterwegs reichlich belohnt. Die Bentobox, die mir mein Gastgeber mitgab, machte das Bild vollkommen. Sie war gefüllt mit kleinen Häppchen, die wie Geschenke aussahen – komplett mit Schleifen und Bändern. Zusammen mit einem Herbstblatt und einer netten Notiz hatte ich das Gefühl, dass alles mit sehr viel Aufmerksamkeit und Liebe zubereitet worden war.
Am zweiten Tag nahm ich vom Bahnhof bei Tempel 22 den Zug nach Hiwasa, einem kleinen und charmanten Küstenort. Am nächsten Tag wanderte ich die Minamiawa-Sunline-Route entlang, die Hiwasa mit Minami verbindet: eine einfache und wunderschöne, etwa dreieinhalbstündige Wanderung entlang der Küste. Eines der unterhaltsamsten Verkehrsmittel war der DMV (Duo-Mode-Vehicle), der sich innerhalb von fünfzehn Sekunden vom Bus in einen Zug verwandelt und mich weiter in Richtung der Surfstrände von Shishikui brachte.
Vom Kap Muroto, das für seine zerklüfteten Felsformationen bekannt ist, wanderte ich wie ein echter Henro weiter zu den Tempeln 24, 25 und 26. Henro bedeutet Pilger, und diese 1.200 Kilometer lange Route ist reich an jahrhundertealten Traditionen – zum Glück jedoch ohne allzu strenge Regeln. Eine Verbeugung am Tempeleingang, Hände und Mund am Brunnen waschen, die Glocke läuten, eine Kerze anzünden, drei Räucherstäbchen entzünden, ein paar Münzen in die Opferkiste werfen … mehr ist eigentlich nicht nötig.
Was Sie unterwegs vielleicht am meisten berührt, ist die Freundlichkeit der Einheimischen. Ein wichtiger Teil davon ist Osettai: kleine Geschenke wie Snacks, heimisches Obst oder ein Getränk. Es sind scheinbar kleine Gesten, doch sie können einen überraschend großen Unterschied machen. Das habe ich selbst erlebt, als mir ein liebes Mädchen ein wunderschönes Sträußchen aus bunten Herbstblättern schenkte und eine ältere Dame mir ein köstliches Weihnachtsgebäck gab.
Aki erwies sich als idealer Ausgangspunkt: ein gemütlicher Ort mit gutem Essen, von dem aus alles bequem erreichbar ist. Auch die Ioki-Höhle liegt ganz in der Nähe. Ein kurzer, entspannter Spaziergang führt dort zu einem wunderschönen Wasserfall. Und wenn Sie in Kochi-Stadtsind, darf Katsuo no Tataki natürlich nicht fehlen. Dieses beliebte Wohlfühlgericht besteht aus dicken Bonito-Scheiben (Thunfisch), die rundum perfekt angebraten werden. Auf dem Hirome-Markt neben der Burg von Kochi entdecken Sie all die köstlichen Varianten. Wenn Sie an einem Sonntag dort sind, ist der Sonntagsmarkt ein schöner zusätzlicher Anlaufpunkt – mit allerlei Leckereien und fröhlichen kleinen Souvenirs.
Nach ein paar Tagen in einem echten Bett mit einem weichen Kissen ziehe ich wieder meine Wanderschuhe an und setze meinen Weg zum Iwamoto-ji (Tempel 37) fort. Ein besonderer Ort mit einer ausgefallenen Decke, die mit mehr als 500 Gemälden geschmückt ist. Von buddhistischen Szenen über Marilyn Monroe, Hähne und Katzen bis hin zu abstrakter Kunst gibt es dort viel zu entdecken. Es ist warm und komfortabel, doch der Wecker klingelt früh: Um 6 Uhr morgens beginnt der Gottesdienst.
Die vielen Abschiedsmomente unterwegs werde ich nie vergessen, aber dieser war etwas ganz Besonderes. Um 7 Uhr sitze ich auf der Fähre, als ich plötzlich meinen Namen höre. Es ist Mari, meine Gastgeberin, die mich mit einem großen Banner verabschiedet. Noch schnell ein Selfie am Kai, denn das Schiff legt pünktlich ab. Kurz bevor wir losfahren, sehe ich, wie das Banner gegen die niederländische Flagge ausgetauscht wird. Was für ein schöner Beginn des Tages und einer von vielen kleinen Glücksmomenten.
Meine Reise ging anschließend weiter zum Berg Aso und zur Shimanami-Kaido-Radroute.
Geschrieben von Reisespezialistin Sharon
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